
Als Harald Schmidt noch kabarettistisch tätig war, erzählte er die Geschichte der stark christlich orientierten Laienschauspielgruppe Palmwedel, die den Goldenen Zeigefinger beim Festival für engagierten Diletantismus gewonnen hätte. Ihr Beitrag spielte in einer Straßenbahn, Hauptakteure waren der türkische Gastarbeiter, der alte Nazi und die Waldorfschülerin.
Metronom Hamburg – Bremen. Mir gegenüber sitzen eine Mutter und ihre ca. 10jährige Tochter. Mutter trinkt eine Dose Beck’s (weshalb sie im restlichen Verlauf nur noch als Becksmutter bezeichnet werden wird), Tochter spielt Nintendo. Eine Dame Anfang 50 setzt sich zwei Plätze neben mich, sondiert die Lage, lächelt mich unsicher an.
Kaum verlassen wir den Hauptbahnhof streikt der Nintendo-Akku. Die Becksmutter kommentiert dies mit den Worten „Oh, das tut mir aber leid, dann musst du dich wohl mit mir unterhalten“. Sie wiederholt den Satz mehrfach. Das tut sie mit den meisten ihrer Äußerungen (im weiteren Verlauf bitte selbsttätig dazu denken). In Harburg angekommen steigen eine weitere Mutter und ihr ca. 2 Jahre alter Sohn ein und setzen sich neben mich.
Desweiteren betreten diverse Punks die Bühne. Einer setzt sich auf die Treppe. Mit geschlossenen Augen brüllt er „Wann sind wir endlich in Bremen? Will schlafen!“. Von irgendwo kommt die Antwort „in 1 1/2 Stunden“. Auch diese Konversation (mit angepasster Reiserestdauer) wird noch häufiger auftreten (bitte nach Belieben gedanklich einfügen). Ein Pärchen aus der Punkgruppe lässt alle Mitreisenden an ihrer Trennung und der darauffolgenden Versöhnung teilhaben. Hauptstreitpunkt ist, wer wen angespuckt hat. Und wer von den beiden sowieso ein dummes Arschloch ist.
Der 2jährige neben mir hat eine spezielle Leidenschaft: die Toilette. Der Rest der Reise wird davon geprägt sein, dass der Kleine mit starker Verzweiflung das Wort „lette“ schreit, während seine Mutter (erfolglos) versuchen wird, ihn davon abzubringen, kaum am Sitzplatz wieder angekommen, zurück auf die Toilette rennen zu wollen.
In Buchholz kommt erneut die Frage auf, wielange es wohl noch dauert, bis der Zug in Bremen ankommt. Da von den 1 1/2 Stunden eher wenig vergangen ist, gefällt dem Treppenpunk die Antwort nicht besonders gut. Er trinkt einen Schluck aus einer Flasche und spuckt seinen Mundinhalt auf den Boden.
Wir fahren eine Weile weiter im heiteren Gepöbel des Punkpärchens, dem Versuch der Becksmutter ihre Tochter zur Konversation zu animieren, dem Frage-und-Antwort-Spiel des Treppenpunks und dem Lette-Geschrei des jüngsten Akteurs. Langsam gewöhne ich mich an den Lautstärkepegel und nicke ein.
Unvermittelt schreit die Becksmutter ihre Tochter an, dass sie nicht so eine Fresse ziehen solle, sonst könne sie gleich wieder zurückfahren. Das Niedersachsenticket gelte noch den ganzen Tag, sie könne also sogar mehrfach hin und her fahren. Denn auch in Hamburg würde ihr mit dieser Laune die Tür nicht geöffnet werden. Desweiteren seien die neuen Klamotten, die der (geschiedene) Vater mit ihr zusammen gekauft hat, scheiße und würden ihr zudem auch überhaupt nicht passen. Die Laune der Tochter bessert sich durch diese Ansprache eher wenig.
Die Dame Anfang 50 rutscht auf ihrem Sitz herum und fühlt sich sichtlich unwohl.
Die Lette-Rufe werden lauter und die verzweifelte Mutter greift zum letzten Mittel: Willst du Schokolade? Aber nicht mal das klappt.
Da geschieht unerwartetes. Es kommt einer der Punks auf uns zu und kniet vor dem Kleinen nieder. Sofort herrscht totale Stille, alles blickt gespannt auf die Szenerie. Mit sanfter Stimme sagt er: „Was schreist Du denn so? Du hast doch noch gar keinen Grund. Die Scheiße kommt doch erst später im Leben!“ Seine Worte verfehlen ihre Wirkung nicht. Dem Kleinen verschlägt es die rudimentäre Sprache. Allerdings nur einige Minuten lang. Aber auch eine zweite Ansprache des Punks mit ähnlichem Inhalt sorgt für eine kleine Lärmschutzzone. Diesmal etwas länger anhaltend, weil er seinen Hund mitnimmt und zum Streicheln anbietet. Die Spannung löst sich und langsam setzt wieder Gemurmel ein.
Der Kinderpunk nutzt die Gunst der Stunde und fragt, ob es irgend jemanden stören würde, wenn er eine Zigarette rauchte. Es kommt nur leises Murren von der Becksmutter. Zwar haben gerade alle erlebt, dass er ein lieber Kerl sein kann – herausfinden, wie sich Nikotinentzug bei ihm bemerkbar macht, will wohl aber doch keiner.
Eine Weile später kommt die Schaffnerin. Die Punks verschwinden zügig in die entgegengesetze Richtung. Einen habe sie schon erwischt, lässt sie uns stolz (und ungefragt) wissen. Den Rest bekomme sie auch noch. Das ginge so nicht, sei immer das gleiche und ähnliches erzählt sie, während wir brav unsere Fahrkarten zeigen. Sie schnüffelt und sagt „Das ist doch Rauch! Haben die hier geraucht?!“ Sie blickt auf uns, die sie für rechtschaffen und ehrlich hält.
Wieder passiert unerwartetes, was in mir ähnliche Freude auslöst wie die erste Überraschung. Niemand sagt etwas. „Die haben doch geraucht!“ versucht sie es noch einmal. Alle zucken mit den Schultern oder brummeln was von „nix gesehen“. Enttäuscht zieht die Schaffnerin weiter.
Menschlichkeit ist machbar, schloss Schmidts Palmwedeltruppe als der Gastarbeiter dem alten Nazi bei der Fahrkartenkontrolle seine gefälschte Monatskarte zuschiebt und die Waldorfschülerin dazu tanzt.
Getanzt hat im Metronom zwar niemand – ähnlich viel Spaß wie Schmidts Publikum hatte aber mindestens eine Person im Zug.