Archiv für die Kategorie ‘Nachsicht mit Verwirrten’

Tanztheater

Juni 22, 2008

Voice

Aus diversen quergelesenen  Kreativitäts- und Selbstmanagementratgebern weiß ich, man soll zwecks Horizonterweiterung auch mal Bücher lesen, von deren Inhalt man vermutet, dass er einen nicht interessiert, und man soll auch mal zu Veranstaltungen gehen, über deren Besucher man üble Vorurteile hegt.

Also Tanztheater! Meine stärkste Assoziation zu diesem Wort sind Harald Schmidt und Herbert Feuerstein, die in hautengen Ganzkörperanzügen gegen weiße Wände trommeln.

Eine völlig leere (allerdings graue) Bühne lässt mich das Schlimmste erwarten. Eine nahezu unbekleidete Dame läuft mit Flip-Flops an den Füßen in eine Ecke, kniet nieder, verharrt bewegungslos, steht auf und verlässt die Bühne wieder.

Das Stück dauert 70 Minuten, nach gut der Hälfte flüchten die ersten Zuschauer. Die haben zwar einen Mann mit Mausohren über den Boden hüpfen sehen, verpassen aber den Tänzer mit Eselmaske, der vorgibt, einen Plastikblumenstrauß zu verspeisen sowie zwei weitere Ensemblemitglieder, die minutenlang einen Kreidestrich beleuchten. Zum Ende hin bewegen sich die Darsteller derart über die Bühne, dass sich die Vermutung aufdrängt, der Choreograph sei ein Fan des Monty-Python-Sketches Ministry of silly walks.

Das Erschreckenste an der ganzen Veranstaltung: Ich hab mich keine Minute gelangweilt. Beruhigend: Die Message ist trotzdem an mir vorbeigegangen.

Weihnachten in Wüsting

September 8, 2007

Der Septemberanfang gehört traditionell der informatica feminale in Bremen. Dadurch habe ich die große Freude, zweimal täglich in der Regionalbahn (mit Halt auf allen Unterwegsbahnhöfen wie der Zugbegleiter nicht müde wird zu erwähnen) zwischen Oldenburg und Bremen zu sitzen. Am Dienstag taten dies mit mir noch zwei amerikanische Touristinnen. Kurz vor Wüsting hielten wir auf freier Strecke, aus dem Fenster waren ein paar Bäume zu sehen, einer davon eine (völlig ungeschmückte) Tanne. Die eine Amerikanerin deutete aus dem Fenster und sagte mit großer Begeisterung in der Stimme: “Christmas tree!”. Die Mitreisende sah hinaus und erwiderte nicht minder begeistert: “Oh yes, christmas tree!”. Beide nickten einander zu, lachten sich an und sahen, bis wir kurz darauf weiterfuhren, verzückt die Tanne an.